Im Zweifel, vielleicht


Der Tunnel, der keinen Sinn machte, kam kurz hinter der Kurve der zweispurigen Straße, auf der nie ein Auto fuhr. Linker Hand Wiesen, kurz geschnitten, grün, begrenzt von einer Bergkette. Versteckt, geahnt ein Bach, der einfach da war, wie ein Bach, wie Wiesen, Berge, wie eine Landschaft eben da sind.

Gewöhnlich ging sie einmal am Tag durch den Tunnel, der Sonne entgegen, einfach nur so, gewöhnlich ohne Grund. Vielleicht um einmal herauszukommen. Aus dem Dorf, aus dem Haus, aus ihrem Zimmer. Vielleicht aus allem, aus ihren Zusammenhängen, wo sie denn zusammen hängen. Einfach raus, sich zerstreuen und die Dinge neu sich finden lassen. Oder raus, um sich zu halten. Ihre Dinge festzuschrauben. Vielleicht war es auch Neugier, die sie trieb, einfach so trieb. Neugier auf das, was sich hinter diesem Tunnel befand. Vielleicht.

So getrieben habe sie sich damals an dem Tag langsam auf den Tunnel zubewegt, als sie, weit hinten, schattenhaft Bewegung wahrnahm. Sagte man sich später. Sie sei stehengeblieben, habe die Augen zusammenkneifend Fragmente eines stattlichen Mannes ausgemacht, der, sie sehend, seinen langsamen Gang fast zum Stillstand gebracht hätte. Er erschien ihr aufmerksam, nicht aufdringlich, oh nein. Nur aufmerksam. Auch nicht eigentlich neugierig, eher wünschend, suchend und zurücknehmend zugleich. Auf keinen Fall erstarrt. Schon in Bewegung, ja. Geschmeidig langsam.

Wegen der Entfernung habe sie sein Gesicht nicht sehen, trotzdem seine körperliche Wärme spüren können, erzählte sie nachher dem Dorf. Auch, dass sein Entgegenkommen sie sanft von unten gegriffen habe. Angesteckt, sei sie gewesen. Angesteckt von seiner reservierten Sehnsucht. Hinterm Ohr, in den Schultern, in den Leisten – erst ein wenig, noch hinnehmbar, dann ignorierend, doch spürbar wieder und wieder kommend ein gleich-mäßiges, zuletzt gleich-unmäßiges Pochen in ihrem Leib.

Beide wären ihrer Wege gegangen, seien wieder gekommen, später täglich. Jedes Mal ein Stückchen näher. Jedes Mal ein bisschen wärmer, bis ihr Körper zitterte. Indes habe sie niemals sein Gesicht sehen können. So habe sie sich immer wieder umgedreht und sei gegangen. Immer wieder. Und gekommen. Immer wieder. Vielleicht auch in dem Wunsch, für einen bestimmten Moment ihr sommerliches Kleid fallen zu lassen, sich der Wärme hinzugeben. Vielleicht wäre diese Geschichte hier zu Ende gewesen, hätten sie sich an dem Tag wortlos angeschaut und wären aneinander vorbeigegangen. Als eine Offerte im Raum. Einfach so. Vielleicht.

Doch sie berührten sich. Erst zufällig am Arm, dann die Hände, irgendwann versperrten sie sich lächelnd, witzig den Weg, den folgenden Tag hielt sie seinen Unterarm mit ihrer linken Hand. Er sei weitergegangen, sie habe gezerrt, er hob seinen Arm, sie habe gekrallt, er hob ihn hoch, sie sprang hinter her, er schüttelte den Arm, sie griff fester, nun kämpfte er, klar und deutlich bis sie abgelassen habe. Er sei weiter gegangen, habe beim Umdrehen “auf morgen” geflüstert, schelmisch. Sie blieb zurück und blieb. Den nächsten Tag, den übernächsten, den Tag darauf, den darauffolgenden und folgenden und folgenden. Sein Gesicht von hinten sehend. Stumm. Am Gaumen klebte ein Tschüß, das ohne ein Hallo zu keiner rechten Form fand.

Später meinte man, ihre Angst vor dem Hallo habe schwer getragen, dahinter der Wunsch ins Gigantische wuchs. Er brach durch und brach ein, in ein Stück Poesie, gebettet in eine Landschaft, die eben da ist, in der sich Wiesen erstreckten, kurz geschnitten, grün, von einer Bergkette begrenzt, mit einem Bach, der, nur vermutet vor einem lag.

Noch immer solle sie, wie gewöhnlich, einmal am Tag durch den Tunnel gehen, der keinen Sinn machte. Der Sonne entgegen, einfach so, und wie gewöhnlich gebe es keinerlei Grund. Vielleicht um einmal herauszukommen. Heraus aus den Zusammenhängen, dem Dorf, dem Haus, aus ihrem Zimmer, aus allem. Einfach raus, um zu sehen, was so vor sich gehe. Vielleicht war sie auch neugierig auf das, was hinter diesem Tunnel sich befinde. Auf den Mann, der nie wieder kam, den niemand je sah. Vielleicht aber war es Gleichmut, der sie trieb, einfach so trieb. Vielleicht.